Christine Spies
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Für fünf Tage vor der Welt flüchten

16.06.2017

Wieder herrscht grosses Treiben auf dem Messevorplatz. Vom 15. Juni bis 18. Juni lädt grossformatig die "Fun Fair" unter dem Motto «NOW I WON» von Claudia Comte zum Wettbewerb ein. Hier ist die "Dance or die"-Station wahrscheinlich die grösste Überwindung, die die Besucher dieser Tage auf der Kunstmesse leisten können. Im öffentlichen Raum bei Tageslicht zu tanzen ist sich nicht für jeden die einfachste Aufgabe. In den Galeriekojen und der Art Unlimited herrscht jedoch verkopfte Konfomität. So richtig getraut sich niemand was.

Vielleicht täuscht es: Doch bleibt ein Eindruck von gewolltem Kompromiss. Wenige Arbeiten fordern den Betrachter provokativ heraus. Die aufdringlichen Werke von Damien Hirst, Jeff Koons oder Takashi Murakami treten nun endgültig nicht mehr in den Vordergrund auf der Art Basel, wie wir das vor rund fünf Jahren erlebt hatten. Oft drängt sich der Verdacht auf, die Werke seien gerade noch so progressiv, dass sie als Bekenntnis zu Kunst und Kultur in einem Foyer einer Grossbank aufgehängt werden könnten.

Vor zehn Jahren mutete Christoph Büchel den Besuchern die beengenden Verhältnisse eines US-Army Camp in einem Krisengebiet zu. Eine der wenigen Interaktionsmöglichkeiten in diesem Jahr ist die Knetmassen-Gestaltung durch die Besucher in der Galeriekoje von Sadie Coles. Hier wird während der Messe mit weisser Knetmasse auf rosa Grund gedanklich der "Kuss" von Auguste Rodin weiterentwickelt. Eine schöne Referenz an die Kommentarfunktion auf Facebook, Instagram und Co. Wer sich mehr zutraut, kann unter Cildo Meireles Nagelbrett - gespickt mit Waffenpatronen - auf einem Untergrund aus Plastikeiern verweilen. Ein Beispiel für die vielen Werken, die in diesem Jahr im Rahmen der Art Unlimited begangen, berührt oder durchschritten bzw. durchklettert werden dürfen.

Doch wenn in diesem Jahr die Galerie König mit dem Schriftzug "If you can't change the world. Change yourself." auf sich aufmerksam macht, dann scheint es, als werde der Kunst nur noch die Defensive zugestanden. Offensichtlich ist der Kunstmarkt ratlos. Bling-Bling und Dekadenz können nicht mehr offen zur Schau getragen werden. Aber genau die offensiven Kunstformen brachten die Aufmerksamkeit der letzten Jahre. Die weltweiten Geschehnisse bleiben gänzlich ausgeblendet. Als Besucher auf der Art Basel scheinen sie schlicht nicht stattzufinden. Hoffen wir auf mehr Mut im kommenden Jahr.






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